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Visite beim Grafen

Meine Freundin Julia ist wohl einer der wenigen Menschen, der gerne einmal von einem Vampir (Bela B.) gebissen werden möchte. Mal davon abgesehen, dass dieser normalerweise Schlagzeuger ist, sich jetzt an der Gitarre versucht (ich betone: "versucht" und während eines Konzerts sowohl seine Männerband, die Klavierfrau und das weibliche Punblikum küsst, ist es verständlich, dass jede Frau den inneren Wunsch hegt, diesen Mann an ihren Hals zu lassen. Soweit alles noch nachvollziehbar. Das einzige, was dann vielleicht nicht mehr ganz so nachvollziehbar ist, wäre dann wohl meine Konzertpräsenz.

Aber von Anfang an! Was waren meine Gedanken vor dem Konzert? Erstens: Wie sehr muss man seine Freundin lieben, um sich das anzutun... Zweitens: Werde ich der einzige Vertreter der männlichen Rasse sein... Drittens: Werde ich unter all den kleinen Mädchen der Größte sein und wird man mich hinauswerfen, wenn man mein von der Musik entsetztes Gesicht sieht?

In die Halle passten um die 1000 Leute rein, daher wars eine eher kuschelige Athmosphäre. Konnte ja ein ganz gemütlicher Abend werden. Ich hab auch noch nie auf einem Konzert gesehen, dass die Sitzplätze sich vor den Stehplätzen gefüllt hatten - bis dahin zumindest.

Dann sollte es endlich soweit sein. Die Lichter gingen aus und der Graf höchstpersönlich beehrte uns mit seiner Anwesenheit. Allerdings nur um die Vorgruppe anzukündigen. Vorgruppe ist vielleicht der falsche Ausdruck... 3 psychopathische Frauen und ein hilfloser Mann triffts eher. Mit leichter Drehorgelmusik angefangen, unterbrochen von einem derart hohen Kreischen, dass selbst ich mir die Ohren zugehalten habe, starteten die Psychos ihr Programm. Es war eine seltsame Mischung aus Punk und etwas nicht zu definierenden. Meine Hoffnung, dass sie nur ein Lied spielten blieb unerfüllt, aber ich konnte zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wissen, dass ich das Schlimmste noch gar nicht erlebt hatte. Denn das, was das absolute Lowlight darstellte, waren die Ansagen. Die Psychos laberten die ganze Zeit davon, dass eine von ihnen ja noch single sei und dass sie jetz wärend dem Gig einen Mann mit einem möglichst großen Penis für sie suchen wollten. Den Rest habe ich verdrängt. Einer der Männer im Publikum glaubte, dass er besonders geeignet sei und wohl genau die Körpereigenschaft habe, die gesucht wurde. Ich konnte nicht genau sehen, was er gemacht hat, aber kurze Zeit später wurde er gewaltsam von 2 Securitybären aus dem Publikum isoliert. Vermutlich wollte er den Beweis erbringen, dass er der richtige sei. Nach weiteren 30 Minuten Ohrenvergewaltigung glaubte ich zum ersten Mal, dass es einen Gott gibt, denn die Psychos gingen wahrhaftig von der Bühne.

Jetzt konnte mich nichts mehr erschrecken, ich freute mich sogar schon auf Bela B., der auch schon kurze Zeit später die Bühne zum zweiten Mal betrat. Allerdings diesmal mit einer Gitarre und ein paar scharfen Musikanten, die abartig hässliche Hüte aufhatten. Dafür, dass ich niemals freiwillig Bela B. hören würde, es komischerweise aber gerade tat, konnte ich mich relativ schnell mit deren Musik anfreunden. Live deutlich rockiger als auf einer der zahllosen qualvollen Autofahrten mit Julia, war ich auch sofort in Poke-Stimmung (Poken: Sich nach links, rechts, vorne oder hinten bewegen und dabei möglichst den Nachbarn noch umschmeißen). Das einzige Problem war nur, dass niemand zu sehen war, der die gleichen Gelüste wie ich hegte. Umringt von Frauen, Schwuchteln und Kindern und zahlreichen komischen Blicken, die ich mir einfing, als ich anfangen wollte, gab ich den Gedanken schnell wieder auf (vielleicht kamen die Blicke auch wegen meinem Metallica T-Shirt, was ich anhatte). Verzweiflung machte sich in meinem Busen breit, denn ich wusste absolut nicht, wie ich das ohne poken überstehen sollte. Man konnte auch nur sehr schwer zu den Stellen vordringen, wo dann doch mal ein bisschen Bewegung ist, da eben alles voller Frauen war, denen es wichtiger war ihren Platz zu verteidigen als mal ein bisschen auf die Musik zu reagieren. Nachdem wir es dann doch noch irgendwann ins Zentrum des Geschehens geschafft hatten, ist es ein wirklich schönes Konzert geworden. Die Stimmung war gut, die Musik war bis auf 2 Lieder (die mir wirklich sehr gefallen haben) annehmbar und am Ende hatte ich wenigstens eine der wichtigsten Konzerttrophäen ergattern können: Den Schweiß des Publikums! Eine Dame des Publikums wurde sogar auf die Bühne entführt und erstmal von allen Mitgliedern der Band umarmt, geküsst und geherzt. Anfangs wirkte sie ein bisschen unsicher aber letzten Endes schien es ihr sehr zu gefallen. Sie hat sogar noch diverse Plektrums und Sticks geschenkt bekommen (die bitch). Insgesamt waren es wohl 3 Zugaben, die uns geschenkt wurden. Vielleicht waren wir als Publikum wirklich nicht so schlecht. Immer wieder wurde das Übliche beteuert, dass wir das beste Publikum der Welt wären, dass Marburg ja das Highlight auf der Tour sei etc. aber komischerweise habe ich es an diesem Abend diesem Künstler wirklich abgenommen. Dafür hast du meinen Repekt, Graf!

Nach dem Konzert war ich schließlich doch positiv überrascht und zufrieden, dass Julia einen schönen Abend hatte. Sie hat zwar extrem gestunken (ich wahrscheinlich noch mehr, ich würde nicht für 300 € mit uns beiden nach dem Konzert in einem Auto sitzen) aber das wars dann doch wert.
28.10.06 13:26
 


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